Wie können europäische Unternehmen von dem Megaprojekt profitieren.

Die Neue Seidenstraße - Chancen für europäische Unternehmen?

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Die Neue Seidenstraße - Chancen für europäische Unternehmen?

Die Neue Seidenstraße - Chancen für europäische Unternehmen?

Neue Seidenstraße“ steht für ein wirtschafts- und geopolitisches Megaprojekt, das unter der Führung von Präsident Xi Jinping seit 2013 die chinesische Außenwirtschaftspolitik dominiert. Ziel ist eine stärkere wirtschaftliche Anbindung Europas an Asien, über Land und zur See. Der Name „Neue Seidenstraße“ ist als Reminiszenz an die historische Seidenstraße zu verstehen. Um anzudeuten, dass es mehrere mögliche Landrouten gibt und die neue Initiative wesentlich über die Schaffung effizienter Transportwege hinaus geht, wählte die chinesische Regierung den Begriff „Gürtel“ (Belt) für die Landverbindung und die Abkürzung „Straße“ (Road) für den Seeweg. Die Kurzbezeichnung „One Belt, One Road“ (OBOR) wurde später in „Belt and Road Initiative“ (BRI) abgeändert. Langfristig gesehen, so die Vision der chinesischen Regierung, sollen die Länder entlang der Neuen Seidenstraße wirtschaftlich enger kooperieren, bestehende Handelsschranken und Investitionshindernisse abbauen, die finanzielle Zusammenarbeit verstärken sowie persönliche Kontakte intensivieren und auf diese Weise einen kollektiven Wachstumsschub initiieren („win-win“). Um die nötigen Voraussetzungen dafür zu schaffen, muss zuerst in die Infrastruktur wie Straßen, Eisenbahnen, Flughäfen, Hafenanlagen, Telekommunikation und Energieversorgung investiert werden. China richtet seinen Fokus dabei auf sechs Korridore, die im Grunde auf bestehenden internationalen Transportrouten aufbauen.

Von der Vision zur Realität

Das Projekt „Neue Seidenstraße“ ist von Seiten Chinas als offenes, multipolares Kooperationsprojekt konzipiert. Ihre Zukunft hängt daher stark vom politischen Willen und dem aktiven Engagement anderer Länder bzw. Wirtschaftspartner ab. Schätzungen über den Kapitalbedarf für die Neue Seidenstraße liegen zwischen 0,9 Billionen USD und 5 Billionen USD. Die Kapitalausstattung der 2016 speziell geschaffenen Asian Infrastructure Investment Bank (AIIB) und des Silk Road Fund mit 100 Milliarden USD respektive 40 Milliarden USD alleine reicht dafür bei weitem nicht aus. Das heißt, ohne massive Beteiligung anderer Entwicklungsbanken, wie World Bank (WB), Asian Development Bank (ADB), European Bank for Reconstruction and Development (EBRD) etc., sowie staatlicher und privater Investoren, vornehmlich aus den Staaten durch die die Korridore laufen, wird eine Realisierung nur in Ansätzen möglich sein. Bisher übernahmen chinesische Staatsbanken die Hauptlast der Finanzierung und beim ersten Belt and Road Forum for International Cooperation im Mai 2017 versprach Präsident Xi Jinping weitere 780 Milliarden CNY (113 Milliarden USD) Finanzmittel zur Verfügung zu stellen.

Europa und die Seidenstraße

Fast alle westeuropäischen Länder, darunter auch Österreich, unterstützen als AIIB-Mitglieder die SeidenstraßenInitiative. Die osteuropäischen Länder sind im Rahmen der „16+1 Initiative“ (11 EU-Länder, fünf Westbalkanstaaten als Nicht-EU-Länder und China) in die Seidenstraßen-Initiative eingebunden. Sie sollen die Rolle von Brückenköpfen zu den industriellen Zentren in der EU übernehmen. Derzeit liegt der Schwerpunkt von Infrastrukturinvestitionen mit Bezug zur Seidenstraßen-Initiative in den Westbalkanstaaten sowie in Ungarn und Rumänien. Die EBRD schätzt, dass die mit Hilfe Chinas finanzierten, realisierten oder geplanten Projekte in diesem Raum über 10 Milliarden EUR betragen, im Wesentlichen sind es Kraftwerke (in Rumänien, Serbien und Bosnien-Herzegowina) und Verkehrsinfrastrukturinvestitionen. Dazu gehören Autobahnprojekte in allen Ländern des Westbalkans sowie die geplante Modernisierung der Bahnstrecke von Piräus nach Budapest. Zwischen Belgrad und Budapest ist eine Hochgeschwindigkeitsstrecke geplant. Nach Einwänden der EU-Kommission hinsichtlich Kompatibilität mit den EU-Ausschreibungsregeln wurde das Projekt am 27.11.2017 öffentlich aus geschrieben. Die EU als solche steht der Seidenstraßen-Initiative positiv gegenüber, allerdings unter der Bedingung, dass die EU-Wettbewerbsregeln eingehalten werden und die finanzielle, soziale und ökologische Nachhaltigkeit der einzelnen Projekte gegeben ist. So wurde 2015 mit China eine „Konnektivitätsplattform“ vereinbart, die der gemeinsamen Förderung von verbindender Infrastruktur und der Nutzung von Synergien zwischen EU-Programmen wie der EU-Investitionsoffensive und der Seidenstraßen-Initiative dienen soll.

Wie können europäische Unternehmen von der Neuen Seidenstraße profitieren?

Es ist evident, dass ein Gesamtinvestitionsvolumen zwischen 900 Mrd. USD und 5.000 Mrd. USD, auch wenn der Investitionszeitraum über Jahre bzw. Jahrzehnte geht, für europäische Unternehmen vor allem bei großen Infrastrukturinvestitionen neue Absatzmöglichkeiten eröffnet. Ebenso werden durch bessere und kürzere Handelsrouten Transportkosten und -risken verringert und neue Handelschancen eröffnet. Daraus ergeben sich neue Geschäftsfelder für europäische Logistikunternehmen, die bereits großes Interesse an der Seidenstraßen-Initiative signalisieren. Langfristig ist aber der entscheidende Punkt, dass durch den Ausbau von Verkehrsinfrastruktur, Telekommunikation und Energieversorgung neue, attraktive Industrieregionen und damit auch neue Investitionsstandorte, z.B. für die Rohstoff- und rohstoffverarbeitende Industrie in Zentralasien, entstehen können. Für die verarbeitende Industrie könnten neu geschaffene Sonderwirtschaftszonen und Industrieparks von Interesse sein. China hat im Rahmen der Seidenstraßen-Initiative bereits einige bilaterale Abkommen zum Abbau von Handelsschranken geschlossen (z.B. ein Freihandelsabkommen mit Georgien) und wird weitere schließen – davon könnten auch Tochterunternehmen europäischer Firmen in China profitieren. Schließlich könnte die Tourismusbranche aus den besser zugänglichen Reisezielen entlang der Seidenstraße Nutzen ziehen und vielleicht neue Zielgruppen für Reisen nach Europa ansprechen.

Waltraut Urban, freischaffende Ökonomin mit Schwerpunkt China

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